ICE3

Wednesday, 23. july 2008 3 23 /07 /Juli /2008 10:49
Blog ICE-3 Winfried Wolf --- 23. Juli 2008 Ein paar Millionen werden den "Frontal21"-Beitrag gestern abend im ZDF zum Thema ICE-3-Unfall in Köln und dessen Hintergründe gesehen haben. In vieler Beziehung war dieser auch ausgezeichnet. Dokumentiert wurde: Es gab am 9.7. auf der Kölner Hohenzollernbrücke einen Ermüdungsbruch (oder "Dauerbruch") und es war KEIN "Gewaltbruch"; kein einmaliges, BESONDERES Ereignis. Makaber und wieder typisch war: Das Bahnmanagment äußert sich nicht – "ein laufendes Verfahren"; im TV-Bild gab es nur den Bahntower, der wie eine Trutzburg als Symbol für das MAUERN des Bahnvorstands gezeigt wurde.

"Laufendes Verfahren", man kann zynisch werden: wohin läuft denn der ICE-3, wohin läuft denn die Bahnprivatisierung, wenn nicht bald etwas passiert??

Kritisch fand ich, dass als Kronzeugen der Kritik an der Bahn ein CSU-MdB und ein Grünen-MdB vor der Kamera aussagten. Nichts dagegen, dass diese sich nun auch vor die Kameras(s) drängen. Allerdings sei erwähnt, dass es seit dem 9.7. (Kölner Unfall) von diesen (zwei) Seiten wenig zum Thema dieses ICE-3-Unfalls gab. Und wenn Winfried Hermann (MdB der Grünen) in die Kamera sagte, dass die Grünen "nach der Sommerpause im Bundestag aktiv werden" würden, dann klingt das ja auch so: Wir haben in den letzten zwei Wochen nichts gemacht und wir werden in den nächsten sechs bis sieben Wochen (bis Anfang September, bis zum Ende der parlamentarischen Sommerpause) nichts tun.

Dabei hat der Autor des ZDF-Beitrags mich vor vier Tagen angerufen. Sich bei mir Informationen, die dann in der Sendung kamen, besorgt, bestätigt; diese konkretisieren lassen. Dass das Team von "Frontal21" – für die wir von "Bahn für Alle" bereits in den vorausgegangenen 14 Monaten zum Thema Bahn mehrmals Material beigesteuert haben – dann niemanden von "Bahn für Alle" vor die Kameras holte, ist bezeichnend für das Funktionieren unserer Medienlandschaft. Und das hat dann auch ganz konkrete politische Folgen.

Denn ZWEI Dinge brachte die ZDF-Sendung nicht; eine "rückwärts gerichtete" und eine "nach vorne gerichtete" Sache fehlte. Und beide hatten die Überschrift "Bahnprivatisierung".

Erstens: Es kam nirgendwo in dem Beitrag, dass die Ultraschall-Wartungsintervalle erst im Juni 2003 auf 300.000 km hochgesetzt wurden, dass dies EXPLIZIT damit begründet wurde, dass man so einige ICE-Garnituren und pro Jahr 150 Mio Euro einsparen könnte. Damals, 2003, wurde der Bahnbörsengang de facto beschlossen und das Projekt, noch unetr Kanzler Schröder, beschleunigt.

Zweitens: An keiner Stelle in dem Beitrag wurde deutlich gemacht, dass die bereits beschlossene Teilprivatisierung der Bahn die Sicherheitsstandards im Schienenverkehr weiter reduzieren wird. Die schweren Eisenbahnunfälle nach der britischen Bahnprivatisierung seien hier nochmals ins Gedächnis gerufen. Dennoch: Dank an die Kollegen und Kolleginnen von "Frontal21": ein guter und wichtiger Beitrag. Gegebenenfalls wird man weiter "arbeitsteilig" gegen den Privatisierungs- und BörsenWAHN zu Werke gehen.
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Tuesday, 22. july 2008 2 22 /07 /Juli /2008 01:46

Der "Spiegel" brachte dankenswerterweise in einem Artikel Klarheit. Danach lag beim Kölner ICE-3-Unfall Dauerbruch durch Materialermüdung vor. Er belastet damit den Bahnvorstand massiv. Der "Spiegel" bringt ärgerlicherweise einen neuen Nebelwerfer-Beitrag, wonach es sich bei dem Kölner ICE-3-Unfall um ein "einmaliges Ereignis", um "Gewaltbruch" handelt. Er entlastet damit den Bahnvorstand enorm.


Wie das? Das erstere erfolgte im Internet, bei "Spiegel-online.de". Das zweitere im weit gewichtigeren "Spiegel": in der gestrigen Ausgabe der Printfassung.


Reinhild Haacker brachte unter der Überschrift "Experte zweifelt an Sicherheit der ICE-Radsatzwellen" am vergangenen Freitag in "Spiegel online" einen überzeugenden Beitrag, der weitgehend auf einem Gespräch mit Professor Vatroslav Grubisic, einem langjährigen Experten des Fraunhofer-Instituts, auch als "Räder-Papst" bezeichnet, basiert. Grubisic argumentiert,


  • dass die ICE-3-Radsatzwellen für die enormen Belastungen des Hochgeschwindigkeitsverkehrs mit 300 km/h nicht ausreichend dimensioniert sind

  • dass der Achsbruch in Köln absehbar war

  • dass er auf diese Gefahren in mindestens zwei Fachartikeln, darunter einem, der im März 2008 in einer Zeitschrift der DB AG veröffentlicht wurde, hingewiesen hatte.


Am vergangenen Sonntag konnte ich mit Herrn Grubisic ein vertiefendes Gespräch führen. Der Inhalt desselben wird in den nächsten zwei Tagen veröffentlicht werden. Spannend dabei war: Professor Grubisic wies darauf hin, dass die Bahn und dass die Bahntechnik-Betriebe in jüngerer Zeit, als sich solche Achsbrüche bei Hochgeschwindigkeitszügen bereits ereignet hatten, immer die (in die Irre führende) Philosophie verbreiteten: Es handele sich hier jeweils um einen EINZELFAll. Es liege hier KEIN Bruch durch Materialermüdung, sondern ein GEWALTBRUCH, verursacht durch äußere Einwirkungen, vor.


Soweit, so schlecht – in der Vergangenheit. Beim Kölner Unfall hätte es nun ganz anders kommen können - dank dem wichtigsten deutschen Nachrichtenmagazin, dem "Spiegel". Denn dieses brachte ja am vergangenen Freitag ein erstes Gespräch mit Herrn G. Da lag es auf der Hand, dass das nun am Montag darauf, in der SPIEGEL-Printversion, bestätigt-erhärtet-konkretisiert werden würde. Im Grunde bot sich bei diesem Thema auch eine Titelstory an (anstelle der nun den neuen Titel verunstaltenden Obamania). Zumal der Konkurrent "Focus" bereits am Wochenende mit einer sensationellen Umfrage in den Medien war: Nach dem Kölner Unfall haben nur noch 31 Prozent in der deutschen Bevölkerung Vertrauen in den ICE.


Weit gefehlt. Der neue "Spiegel" – Printversion – macht genau das, was Grubisic als "typisch" für die Große Koalition der Vertuscher charakterisiert: Der fast dreitägige komplette Ausfall des Flaggschiffs der Deutschen Bahn AG im Fernverkehr ist dem Blatt nur einen kurzen Beitag wert. In demselben taucht der "Räder-Papst" erst gar nicht auf. Stattdessen wird dort der "Dresdner Professor Günter Löffler" wie folgt zitiert: "Alles spricht für eine äußere Beschädigung der Radsatzwelle, etwa durch lose Metallteile des Bahn-Unterbodens oder Gegenstände auf dem Gleis ... Auch Ingenieure der Deutschen Bahn halten diese Erklärung für wahrscheinlich."


 






 


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Sunday, 20. july 2008 7 20 /07 /Juli /2008 17:56

20. Juli 2008



Nach Feststellungen von Prof. Vatroslav Grubisic sind die Radsatzwellen der ICE-3 für die extremen Belastungen zu niedrig dimensioniert. "Spiegel-online" bringt einen entsprechenden Bericht. In der deutlich wichtigeren Printausgabe des "Spiegels" vom morgigen Montag (21.7.) fehlt diese Enthüllung.

 



Die neue Ausgabe des "Focus" veröffentlicht eine aktuelle Umfrage, wonach nach dem Kölner Unfall nur noch ein knappes Drittel in der Bevölkerung "Vertrauen in den ICE", das Flaggschiff der Deutschen Bahn, hat. Die schwindende Kundenbindung dürfte sich noch beschleunigen. Denn der Bahnvorstand sagte nicht die Wahrheit, als er den Bruch einer ICE-3-Achse als "nicht vorhersehbar" bezeichnete. Für den Achsbruchs lagen dem Bahnvorstand in der Praxis und in der Theorie überzeugende Belege vor. Der Bahnvorstand handelte demnach grob fahrlässig und er gefährdete das Leben vieler Menschen, als er nach dem Kölner Unfall die ICE-3-Züge noch rund 40 Stunden lang mit bis zu 300 Stundenkilometer Geschwindigkeit verkehren ließ.


Achsbruch in der Praxis: Am 2. Dezember 2002 entgleiste in Gutenfürst ein neuer Diesel-ICE (ICE-TD VT 605).Ursache war der Bruch einer Radsatzwelle. Die Bahn behauptete, es handle sich um ein einmaliges Ereignis. In das entsprechende Drehgestell sei versehentlich eine zuvor beschädigte Achse eingebaut worden. Im April 2003 gab das Eisenbahn-Bundesamt jedoch bekannt, dass alle Achsen aller 20 ICE-TD-Garnituren bei Belastungstests versagten. Die Bahn schob Ende 2003 alle ICE-TD aufs Abstellgleis. In der offiziellen Begründung des Bahnvorstand hieß es, alle ICE-TD-Züge seien "unwirtschaftlich für den Alltagsbetrieb." Bei der Fussballweltmeisterschaft 2006 wurden einige Diesel-ICE für Sonderfahrten eingesetzt. Seit Frühjahr 2008 rollen einzelne Diesel-ICE wieder auf besonderen Strecken, auf denen sie aber nicht mehr mit ihrer Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h eingesetzt werden.


Achsbruch in der Theorie (Fachliteratur): Eine Woche nach dem Kölner ICE-Achsenbruch meldete sich Vatroslav Grubisic zu Wort. Der 75-jährige Professor lebt heute im Ruhestand; er gilt als "Räder-Papst"; er war für das Fraunhofer Institut Gutachter der Anklage im Eschede-Prozess. Seine in der Online-Ausgabe des "Spiegel'" – nicht in der akuellen Printausgabe – wiedergebene Grundaussage: "Es wurde bereits bei früheren Messungen bestätigt, dass die Radsatzwellen der ICE-3-Reihe für die hohe Belastung zu niedrig dimensioniert sind. (...) Dadurch haben die Radsatzwellen nur eine beschränkte Lebensdauer. Die Frage ist, wie hoch diese Lebensdauer ist: Wenige Jahre bis zum ersten sichtbaren Anriss, bevor anschließend der totale Bruch entsteht? Oder die geforderten 30 Jahre?"

Grubisic kritisiert die bisher gültige EU-Norm, die unzureichend ausgelegt sei: In Testreihen hätten "die Höchstwerte der Spannungen die Normwerte um bis zu 19 Prozent auf den Laufradsätzen und um 17 Prozent auf den Treibradsätzen überschritten. Damit ist fraglich, ob diese Wellen eigentlich die Dauerfestigkeiskriterien nach Normen erfüllen."


Grubisic unterstützt aus diesen Gründen verkürzte Wartungsintervalle von 60.000 Kilometer, um die Achsen mit Ultraschall auf Risse zu untersuchen. Ein solches Prüfintervall bedeute jedoch, "dass die Wagen etwa alle zwei Monate auf den Prüfstand müssen." Das sei teuer und aufwendig.


Grubisics Erkenntnisse wurden erstmals 2006 veröffentlicht. Ein aktueller Artikel zum gleichen Thema erschien im Magazin "ZEV Rail", bei dem Karl-Friedrich Rausch einer der Herausgeber ist. Rausch ist gewissermaßen im Hauptberuf Mitglied im Bahnvorstand und dort verantwortlich für den Fernverkehr, also für den ICE.


Wenn der Bahnvorstand weiter zögert, eine Garantie für die von der Aufsichtsbehörde EBA verlangten von 300.000 km auf 60.000 km verkürzten Wartungsintervalle zu geben, dann liegt das nicht nur an den damit verbundenen Kosten. Die Deutsche Bahn AG hat dafür überhaupt nicht die Reserven an ICE-Garnituren. Sie müsste dafür ein halbes Dutzend neue ICE-Garnituren bestellen, was jedoch mit jahrelangen Lieferfristen verbunden ist. Kurzfristig und gewissermaßen zum Auftakt des Börsengangs müsste sie den Fahrplan auf den ICE-3-Strecken deutlich ausdünnen.


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Tuesday, 15. july 2008 2 15 /07 /Juli /2008 14:12
Ein verlängertes Wochenende lang – vom 11. bis zum 13. Juli 2008, zog die Deutsche Bahn AG fast alle Einheiten ihres Flaggschiffes, des neuesten ICE-Modells, ICE-3, aus dem Verkehr. Dabei herrschte das bei dem Konzern in solchen Fällen bekannte Chaos. Beispielsweise konnte man zwar im Internet eine viereinhalbseitige Liste mit ausfallenden oder nur auf Teilstrecken verkehrenden Fernverkehrszügen ausdrucken. Doch auf diesen waren nur jeweils die Zuggattung, die Zugnummer und die Verbindung angegeben; nicht jedoch die Fahrplanzeiten. Wie sollte ein Fahrgast erkennen, was die Zeile „ICE 502 Basel SBB – Hannover fällt aus“ im konkreten heißen sollte? Wann fiel da ein solcher ICE aus? Und was wollte uns die DB AG mit der Zeile sagen: „ICE 104 Basel SBB – Amsterdam C beschränkt auf Köln Hbf“? Fuhr dieser ICE als Pendelzug zwischen Köln Deutz und Köln Süd? Oder „nur“ zwischen Basel und Köln? Oder eventuell zwischen Köln und Amsterdam?
Natürlich waren das nur oberflächliche Erscheinungsformen. Sie sind jedoch Ausdruck dafür, dass das Topmanagement, das ja eigentlich nur den Fahrplan Börse kennt, auf derlei katastrophale Vorkommnisse schlicht nicht vorbereitet ist. Denn natürlich ist es katastrophal, wenn derart umfassend Fernverkehrszüge aus dem Verkehr gezogen werden müssen – und dies mitten in der Urlaubssaison. Vergleichbares gab es in Frankreich mit den TGV-Hochgeschwindigkeitszügen oder in Japan mit den Shinkansen-Hochgeschwindigkeitszügen noch nie.
Trotz dieses schwerwiegenden Ereignisses wurde und wird erneut flächendeckend abgewiegelt. DB AG-Vorstandsmitglied Karl-Friedrich Rausch: „Mit den Zusatzuntersuchungen gehen wir auf Nummer sicher.“ Tatsache ist, dass die Entgleisung des ICE-3 auf der Hohenzollernbrücke in Köln am Mittwoch, dem 9.7., erfolgte. Die Bahn ließ diese Züge gut eineinhalb Tage weiter fahren, teilweise mit Topgeschwindigkeit 350 km/h, um dann erst am Freitag (11.7.) die genannte drastische Maßnahme zu ergreifen. Und sie wird gute Gründe haben, wenn sie nun auch im übertragenen Sinn die Notbremse zog (der ICE-3 auf der Kölner Hohenzollernbrücke entgleiste, nachdem ein Fahrgast die Notbremse zog), fast alle ICE-3-Einheiten für zwei Tage stillegte und diese nicht etwa Zug um Zug und damit ohne größere Eingriffe in den Fahrplan solchen „Zusatzuntersuchungen“ unterzog.
Die „Welt“ titelte: „Kein Vergleich mit Eschede“. Natürlich kann man die Zugkatastrophe von Eschede mit 101 Toten bei Tempo 200 nicht mit der Entgleisung des ICE-3 bei Köln bei Tempo 20 und mit keinen Toten und keinem Verletzten gleichsetzen. Das tut auch niemand. Doch der Verweis auf Eschede wird ja meist angeführt, um zu behaupten, nun sei alles im grünen Bereich. So argumentierte der Sprecher von pro Bahn, Hartmut Buyken: „Die Bahn hat aus Eschede gelernt“.Ich gestatte mir darauf zu verweisen, dass beim ICE-Unglück in Eschede  mehrere Fahrgäste zwölf  Minuten vor der Entgleisung zwei Zugbegleiter auf „mahlende Geräusche“ und „heftiges Rumpeln“ unterhalb des Wagenbodens hingewiesen hatten. Sogar als der Radreifen sich in das Innere eines Abteils gebohrt hatte, kam es nicht zu der erforderlichen sofortigen Reaktion: dem Griff zur (im übrigen oft schwer auffindbaren) Notbremse. Damit hätten man schlicht und einfach 101 Menschenleben retten können.
Doch das Fahrpersonal nahm diese Hinweise auf die extreme Geräuschentwicklung nicht ernst und verwies darauf, dass es sich um „nicht unübliche Fahrgeräusche“ handeln würde. Just so verhielt es sich nun aber erneut bei dem ICE-3 am vergangenen Mittwoch. Mehrere Fahrgäste – bei der Staatsanwaltschaft meldeten sich sechs – hatten sich bereits in Frankfurt/M.-Flughafen bei Zugbegleitern mit den Hinweisen auf „Rumpeln“ und „starke, ungewöhnliche Geräusche“ unter dem Waggon mit der Nummer 23 gemeldet. Diese Hinweise wurden eine gute Stunde lang nicht ernst genommen; der Zug startete nach diesen Warnungen auf seine Höchstgeschwindigkeitsfahrt nach Köln. Wohlgemerkt: Das Zugpersonal kann im Einzelnen kaum verantwortlich gemacht werden. Es stimmt ja, die ICE aller Baureihen rumpeln oft enorm. Darüber hinaus wurde das Zugpersonal seit Eschede um rund 20 Prozent abgebaut und mit neuen Aufgaben wie einem Rundumsorglos-Service für das Wohlbefinden der Ersten-Klasse-Fahrgäste betraut. Allein die Veränderungen bei der Ausbildung und beim Einsatz des fahrenden Personals stellt einen Abbau an Sicherheitsstandards dar. In früheren Zeiten hatten die Schaffner in der Regel ein profundes Wissen über die Abläufe bei der Bahn; sie kannten die Eisenbahn auch von ihrer technischen Seite. Die heutige Ausbildung der Zugbegleiter ist jedoch primär "Service orientiert" und in diesem Sinne eindimensional. Damit wird aber in Kauf genommen, dass Zugbegleiter in gefährlichen Situation nicht angemessen reagieren können.

Oftmals heißt es unter dem Stichwort, man habe aus Eschede gelernt,  die Technik im aktuellen ICE-3 sei nicht mit der im ICE-1 vergleichbar. So teilte  Jürgen Siegmann, Verkehrswissenschaftler an der TU Berlin, der „Welt“ (12.7.) mit: „Damals, in Eschede, brach ein Radreifen, der heute nicht mehr eingesetzt wird. Es ist eine ganz andere Technik.“ Die Sicherheitsstandards der Bahn seien „sehr hoch“, da gebe es „nichts zu meckern“. Auch pro-Bahn-Chef Karl-Peter Naumann schwang sich zum Großverteidiger der Deutschen Bahn AG und erklärte: „Das war ein Einzelfall. Die Bahn überprüft ihre Züge regelmäßig und mit großem Aufwand.“
Demgegenüber ist festzustellen: Natürlich wird gegenüber den ICE-1 aus der Zeit „vor Eschede“ im ICE-3 eine „völlig andere Technik“ eingesetzt; richtig ist auch, dass in Köln "nicht ein Rad". Doch es passierte rein technisch gesehen ja mehr: Es brach eine Radachse, wodurch schließlich zwei Räder außer Gefecht gesetzt wurden. In Eschede entwickelte sich aus dem Abreißen des Radreifens vor allem deshalb eine Katastrophe, weil sich dieser losgelöste Radreifen in einer (konventionellen) Weiche und deren "schienenförmigem Bauteil, dem sogenannten Radlenker, verhakte" und die Weiche "auf Rechtslage umstellte". Zu ICE "Wilhelm Konrad Röntgen" wurde dadurch auseinandergerissen; mehrere Waggons prallten gegen eine Brücke. Zuvor verkehrte dieser ICE-1 sechs (Kilometer mit dem abgerissenen Radreifen bei Tempo 200 km/h, ohne zu entgleisen.
Der Bruch der Achse im ICE-3 in der vergangenen Woche war, rein technisch gesehen, möglicherweise kritischer; auch ohne eine "Verkettung unglücklicher Umstände" hätte dieser Achsbruch katastrophale Auswirkungen haben können. Beide Räder waren dadurch funktionunfähig; sie hätten sich verkeilen können.; das Drehgestell hätte abreißen oder sich im Schienenstrang verklemmen können. Vor allem spricht sehr viel dafür, dass der Achsbruch weit vor Köln erfolgte; dass der ICE-3 also mit Höchstgeschwindigkeit mit einer solchen gebrochenen Achse verkehrte. Eine solche Auffassung vertritt Markus Hecht, Professor für Schienenfahrzeuge an der Technischen Universität in Berlin. Er äußerte gegenüber dem "Tagesspiegel": "Ein solcher Defekt ist das Gefährlichste, was es gibt." im schlimmsten Fall höätte "die Achse in einer Kurve brechen können. Dann wäre der Zug entgleist und von der Strecke abgekommen." Im übrigen, so Hecht, müsse die Achse "schon längst beschädigt" gewesen sein. "Stahl reißt nur langsam." (hier zitiert nach der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 14.7.2008).

Was die „regelmäßigen Überprüfungen mit hohem Aufwand“, von denen Naumann von pro Bahn zu berichten weiß, betrifft, so sei auf drei Tatsachen verwiesen: Erstens wurde vergleichbares auch „vor Eschede“ und in den ersten Tagen nach diesem Unfall gesagt. Die Untersuchung des Unglücks ergab dann, dass die vereinbarten Ultraschalluntersuchungen der ICE-Einheiten seit Jahren schlicht und einfach abgesetzt worden waren – weil sie „zu häufig“ (!) reale oder vermeintliche Schäden an den Radsätzen registriert hatten. Zweitens wurden die Radsätze und Achsen bis zur Entgleisung in Köln nur nach einer Laufleistung von 240.000 km oder nach einem Dreivierteljahr mit Ultraschall auf Schäden überprüft. Bei den ICE-1-Rädern war ursprünglich einmal festgelegt worden, dass Untersuchungen nach dem System „ULM“ („Ultraschall“, „Lichtschnitt-Vermessung“ und „Meßbalken-Feststellung“) alle 5000 Kilometer oder alle drei bis vier Tage erfolgen sollte. Wenn der Bahnvorstand nach der Kölner Entgleisung alle ICE-3 einer „Zusatzuntersuchung“ unterziehen ließ, so deutete er bereits dadurch selbst an, dass die 240.000 km-Intervalle unzureichend sein könnten. Am Montag nach diesen "Zusatzuntersuchungen" war zwar viel die -rede davon, dass die Bahn bei den Untersuchungen keine weiteren schadhaften Achsen oder Räder entdeckt habe. Dabei gint aber weitgehend unterm, dass gleichzeitig beschlossen wurde, in Zukunft alle 60.000 Kilometer Ultraschalluntersuchungen vorzunehmen. Das ist ein eindeutiger Hinweis darauf, dass auch das Topmanagement der Bahn davon ausgeht, dass die bisherige Praxis der sehr weiten Untersuchungsintervalle unzureichend ist. Allerdings ist hier bereits wieder zu fagen. Warum werden nur ICE-3 solchen deutlich verkürzten Utersuchungsintervallenunterzogen. Warum nicht alle ICE und gegebenenfalls alle IC/EC-Zugeinheiten?

Schließlich gibt es drittens modernere, zuverlässigere – allerdings auch auch teurere – Kontrollverfahren als Ultraschall, um die Sicherheit von Rädern und Achsen zu kontrollieren. Bereits während der Debatten zum Eschede-Unglück wurde auf die Installation von „Beschleunigungsaufnehmern an jedem Drehgestell, die Unregelmäßigkeiten bei der Körperschallabstrahlung von Rad und Lauffläche dem Bordcomputer des ICE melden“ verwiesen. Auf diese Vorhaltungen der "VDI-Nachrichten" (vom 12.6.1998) hin musste damals die Bahnsprecherin Christine Geißler-Schild einräumen, dass der Bahnvorstand von dieser Möglichkeit Kenntnis hatte. Sie fügte hinzu, dass sich ein solches „Radüberwachungsystem noch in der Erprobungsphase“ befinden würde. Damals befand sich bereits ein vergleichbares System beim Eurostar und bei einer neuen Version des TGV im Einsatz.
Das war vor exakt einem Jahrzehnt.
Der bereits zitierte Professor Hechtkonstatiert zu aktuellenstand: Es gebe auch heute "keine automatischen Systeme bei den ICE-Einheiten, um solche gefährlichen Schäden frühzeitig zu erkennen."



Grundsätzliche Kritik am Hochgeschwindigkeitsverkehr

Es gibt gute Gründe, den Höchstgeschwindigkeitsverkehr per Bahn – also Schienenverkehr mit mehr als 200 km/h – grundsätzlich in Frage zu stellen. Auch wenn die DB AG am Sonntag (13.7.) eilfertig kundtat, es seien “keine weiteren Schäden” an untersuchten ICE-3 aufgetreten (warum sagt uns das ein Unternehmen, das wegen des Börsengangs keine schlechten Nachrichten brauchen kann? Wo bleibt die Aufsichtsbehörde Eisenbahn-Bundesamt?), so bleibt doch die Tatsache bestehen, dass der Achsbruch stattfand und dass es für diesen keine plausiblen Erklärungen als Abnutzung und/oder unzureichende Wartungsinvervalle gibt. Die Belastungen eines mit Tempo 300 und 350 km/h hinrasenden Zugs sind enorm. Selbst auf der Neubaustrecke Köln-Frankfurt/M kommt es bei den relativ neuen ICE-3-Garnituren zu solchen Erschütterungen und Vibrationen, dass während der Rennfahrt beispielsweise ein Schreiben per Hand oft nicht mehr möglich ist. Die Strecke weist inzwischen auch eine Art “Schlaglöcher” auf. Stefan Börnecke schrieb dazu in der “Frankfurter Rundschau”; “Wer Dauergast auf den Schnellfahrtstrecken ist, dem gelingt es sogar, relativ präzise jene Stellen vorherzusagen, an denen ein Passagier ein wenig aus dem Sitz gelupft wird. Der betonöse Untergrund ist nicht überall so topfeben wie einst versprochen.” (12.7.)
Hinzu kommt der in Deutschland als einzigem Land der Welt vorherrschende Mischverkehr: Hochgeschwindigkeitszüge verkehren auch auf konventionellen Strecken. Dort gibt es erheblich mehr Belastungen als im Hochgeschwindigkeitsnetz. So werden im Hochgeschwindigkeitsnetz spezielle Schnellfahrweichen eingesetzt, die sich durch größere Laufruhe und höhere Spursichereit auszeichnen. Konventionelle Weichen bringen für die passierenden Zuggarnituren weit größere Belastungen mit sich, sodass die Fachliteratur beispielsweise bei der Querung von “zwei bis maximal drei Weichen (eines Zugs, der schneller als 140 km/h fährt) ... eine Beruhigungdsstrecke” vorsieht.
Vor allem aber spricht gegen den Höchstgeschwindigkeitsverkehr das System Schiene als Flächenbahn. Topgeschwindigkeiten sind immer mit einem Abhängen von Regionen verbunden. Die Neubaustrecke Köln-Frankfurt/M. Führte dazu, dass Bonn und Koblenz kaum noch in den Fernverkehr eingebunden sind, die Züge Hannoer – Berlin verkehren meist wie die alten Interzonenzüge (letzter Stopp auf Westgebiet = Wolfsburg; erster Stopp auf nach Feindesland erneut auf Westgebiet = Berlin/Spandau) und führten dazu, dass u.a. die Landeshauptstadt Magdeburg in den Fernverkehr nicht mehr eingebunden ist. Die Masse des Schienenverkehrs findet selbst heute noch auf eher kurzen Relationen statt: 85 Prozent aller Bahnfahrten liegen im Bereich bis zu 50 km; 45 Prozent aller im Schienennetz zurückgelegten Personenkilometer entfallen auf solche Nahverkehrsfahrten. Selbst im Fernverkehr (= nur IE und IC/EC) liegt die durchschnittliche Reiseweite bei rund 270 km. Als es noch den InterRegio als Zuggattung gab, lag sie bei 220 km.
Auf den Distanzen von 200 oder 300 Kilometer bringt Höchstgeschwindigkeit nur den Gewinn von wenigen Minuten. Das ist angesichts des immensen finanziellen Aufwands und vor dem Hintergrund der Gefährdung elementarer Sicherheitsstandards ausgesprochen fragwürdig. Letztlich ist es auch im Schienenfernverkehr für die große Mehrheit der Bahnfahrgäste weit wichtiger, das die Züge pünktlich verkehren, dass sie sehr regelmäßig (zum Beispiel im Halbstundentakt) fahren, dass die Fahrpreise sich auf einem akzeptablen Niveau bewegen, dass man so gut wie immer einen Sitzplatz erhält (auch ohne Reservierung!), dass es eine angemessen Fahrtgastbetreuung und ein Zugrestaurant mit überzeugenden Angeboten zu akzeptablen Preisen gibt.


Eschede als Lehre

Als am 3. Juni 2008 Dutzende Medienberichte zum Gedenken an das ICE-Unglück von Eschede erschienen, gab es als Erklärung des bisher schwersten deutschen Eisenbahnunglücks in der Regel den Verweis auf eine “unglückliche Verkettung zu Zufällen”. Diese Erklärung ist falsch. Die Verantwortung für die Katastrophe ist in erster Linie bei denjenigen zu suchen, die 1992 das Ersetzen der ursprünglich auch im ICE-1 eingesetzten Monobloc-Räder (Vollräder) durch die Radkonstruktion der "Bauart 064" (= Räder mit Radfelgen, Radreifen und einer dazwischen liegenden Hartgummieinlage) beschlossen und genehmigt hatten. Sie ist auch bei denen zu suchen, die dafür in der 1994 gegründeten Deutschen Bahn AG dafür verantwortlich waren, dass diese ICE-Züge weiterhin mit diesen Rädern verkehrten, obgleich es Dutzende Warnungen gab, mit deen diese Radkonstruktion als für den Hochgeschwindigkeitsverkehr ungeeignet charakterisiert wurde und obgleich es regelmäßig Untersuchungsberichte dieses ICE-1-Radtyps gab, die Anlass zu einem umgehenden Ausbau dieses ungeeigneten Radtyps hätten sein müssen.

Noch am 17. Juni 1998, zwei Wochen nach der Zugkatastrophe, stritt der damalige Bahnchef Ludewig vor dem Verkehrsausschuss des Bundestag ab, dass der Radtyp Unglücksursache war und behauptete, alle ICE-1 würden nach den “Zusatzuntersuchungen” erneut mit demselben Radtyp ausgerüstet. Tatsächlich wurden dann alle ICE-1 klammheimlich wieder auf Monobloc-Räder “zurückgerüstet”. Und alle späteren ICE-Garnituren und neuen Modellreihen fahren mit Monobloc-Rädern, wie dies auch bei allen anderen Hoschgeschwindigkeitszügen in Frankreich, Belgien, Spanien, Italien und Japan der Fall ist. Deutlicher konnte das Eingeständnis von Schuld kaum ausfallen. Das Unverzeihliche besteht allerdings darin: Der Austausch der Monobloc-Räder erfolgte auf das Betreiben eines einzelnen Mitglied des Bahnvorstands, der bis vor kurzem noch Verantwortung im Unternehmen trug. Dieses Vorstandsmitglied als Individuum, aber letztlich der Bahnvorstand als Ganzes, hatten dabei vorliegende Sicherheitsbedenken (u.a. solche der DB-Versuchsanstalt in Minden und der Kasseler Thyssen-Tochter für Meßtechnik und Qualität) übergangen.
Für den 3. Juni 2008 hatte der WDR-Rundfunk mit mir ein Interview zum Eschede-Jahrestag vereinbart. Im Vorgespräch, das am 2.6. zwischen einer WDR-Kollegin und mir geführt wurde, vereinbarten wir, dass ich im Interview etwas zu dem im damaligen Bahnvorstand verantwortlichen Manager Roland H., der die Monoblock-Räder austauschen ließ, sagen würde. Das Interview wurde dann so geführt, dass es dazu keine Frage und für das Thema Unglücksursache keinen Raum gab.  


von Winfried Wolf - veröffentlicht in: ICE3
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